FAHRZEUGVERNETZUNG - page 15

2.3 UMFELDINTERPRETATION UND SIGNALISIERUNG
Die Verarbeitung von Sensordaten ist eine Grundlage der auto-
matisierten Fahrzeugsteuerung. Wesentliche Herausforderun-
gen liegen – über die in Abschnitt 2.2 vorgestellte Datenfusion
hinausgehend – in der Interpretation von Sensordaten. Bei-
spielsweise können Umfeldsensoren Hindernisse wahrnehmen
und den Abstand dazu erfassen. Die verfügbare Technik erlaubt
es inzwischen, einzelne Objekte im Straßenraum zu erkennen, zu
klassifizieren und zu interpretieren. Die Feststellung, um welche
Objektarten es sich handelt (Baum oder Mensch, Papiertüte oder
Betonblock), ist nur durch inhaltliche Bewertung, Interpretation
und Verknüpfung von Informationen, d. h. durch intelligente Soft-
ware möglich.
Wahrnehmung und Antizipation des Verhaltens anderer
Verkehrsteilnehmer
Die Wahrnehmung und Bewertung des Verhaltens anderer mo-
torisierter und nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer sowie die
Prognose ihres unmittelbar bevorstehenden Verhaltens hat eine
große Bedeutung. Nur mit dieser Fähigkeit können sich automa-
tisiert fahrende Fahrzeuge an das Verkehrsgeschehen anpassen.
So müssen sie die Anzeigen anderer Fahrzeuge (z. B. Bremslicht,
Fahrtrichtungsanzeige, Rückwärtsfahrlicht) ohne zusätzliche
Kommunikation zuverlässig erkennen und interpretieren, damit
auch Fahrzeuge ohne kommunikationstechnische Ausstattung
sicher eingebunden werden können (vgl. die Ausführungen zum
Mischverkehr in Abschnitt 4.4). Dafür ist eine optische Erkennung
dieser Signale im automatisierten Fahrzeug erforderlich, die un-
ter allen Umgebungsbedingungen zuverlässig funktionieren muss.
Menschliche Verkehrsteilnehmer nutzen Signale wie Blickkon-
takt, Handzeichen und Mimik, z. B. in den folgenden Situationen:
•• Einbiegen bei dichtem Verkehr oder Stau
(z. B. Hereinwinken eines Wartepflichtigen)
•• Handzeichen von Fußgängern an Zebrastreifen
•• Haltzeichen von Schülerlotsen
•• Fahrtrichtungsanzeige von Radfahrern
•• Auflösung von Konflikten (z. B. an Engstellen oder
Kreuzungen von gleichrangigen Straßen)
•• Verkehrsregelung oder Haltzeichen durch Polizisten
Die Erkennung solcher Kommunikationssignale durch das auto-
matisiert fahrende Fahrzeug stellt eine besondere Herausforde-
rung dar und ist Gegenstand der Forschung.
Nicht alle Verhaltensweisen werden explizit angekündigt. Es
lässt sich deshalb nicht immer schlussfolgern, wie sich ein er-
kanntes Objekt verhalten wird. Das jedoch ist besonders in kom-
plexen Szenarien wie in Innenstädten ein wichtiger Aspekt bei
der algorithmischen Bewertung der Situation. Die zuverlässige
Lokalisierung, Signalauswertung und Bewegungserkennung
relativ zur eigenen Bewegung sind wichtige Voraussetzungen
dafür. Darüber hinaus kommt aber auch der Handhabung von Un-
sicherheiten, z. B. durch abrupte Verhaltenswechsel, eine große
Rolle zu.
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In diesem Bereich finden seit Jahren Forschungsak-
tivitäten statt, u. a. auch bei der Daimler AG. Dort werden die
Arbeiten zu diesem Thema unter dem Begriff 6D-Vision zusam-
mengefasst (siehe Abbildung 3). Sie waren 2011 für den Deut-
schen Zukunftspreis, Preis des Bundespräsidenten für Technik
und Innovation nominiert.
Des Weiteren zeigt eine nicht unerhebliche Anzahl von öffent-
lichen Forschungsprojekten, die sich mit der Thematik ausein-
andersetzen, dass hier intensive Entwicklungsarbeiten betrieben
werden. In dem national geförderten Projekt UR:BAN KA (siehe
Abschnitt 3.1) steht z. B. neben der allgemeinen Umfelderfassung
Abbildung 3: Daimler „6D-Vision“. (Quelle: © Daimler AG)
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Vgl. u. a. Ulbrich, S.; Maurer, M. (2014).
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