FAHRZEUGVERNETZUNG - page 60

Autobahn, eher Praxisreife erreichen als komplexe Lösungen im
Stadtverkehr. Anwendungen in eng abgeschlossenen Gebieten,
wie die automatisierte Parkplatzsuche im Parkhaus, sind relativ
einfach zu realisieren und werden zeitnah am Markt sein.
Es ist jedoch nicht abzusehen, dass in überschaubarer Zeit vom
Menschen gelenkte Fahrzeuge vollständig verschwinden werden.
Insbesondere in städtischen Bereichen müssen sich auch weiter-
hin Fahrzeuge den Verkehrsraum mit nichtmotorisierten Verkehrs-
teilnehmern teilen – eine strikte Trennung dieser Verkehre würde
eine Umgestaltung der Städte erfordern.
Die Wechselwirkungen zwischen automatisiert fahrenden Fahr-
zeugen und anderen Verkehrsteilnehmern müssen analysiert wer-
den. Dazu gehören sowohl die Untersuchung des Einflusses, den
automatisiert fahrende Fahrzeuge auf andere Verkehrsteilnehmer
nehmen, als auch die Berücksichtigung von ethischen und gesell-
schaftlichen Fragestellungen, die sich in diesem Zusammenhang
ergeben.
Einfluss auf Verkehrsteilnehmer in konventionellen Fahrzeugen
Fahrerassistenzsysteme und automatisierte Fahrfunktionen – ins-
besondere im Zusammenwirken mit Anwendungen der C2X-Kom-
munikation – können potenziell das bisherige rein menschliche
Fahrverhalten beeinflussen. Hierin liegen einerseits Vorteile der
Automatisierung: Durch schnelleres und dennoch bestmögliches
Reagieren sollen Unfälle vermieden und durch vorausschauende
Fahrmanöver eine Harmonisierung des Verkehrsflusses erreicht
»Wir werden über einen erheblichen Zeitraum, wenn nicht
für immer, einen Mischbetrieb haben, allein aufgrund der
stets vorhandenen Durchmischung mit neueren und älteren
Fahrzeugen. Schließlich ist es auch völlig legitim, dass es
Leute geben wird, die nicht mit einem autonomen Auto un-
terwegs sein wollen.«
Ralf Guido Herrtwich,
Leiter Fahrassistenz- und Fahrwerksysteme in Konzernforschung
und Vorentwicklung bei Daimler
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Mercedes (2013a).
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Vgl. Ausserer, K. et al. (2006).
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Vgl. Ausserer, K. et al. (2006).
werden. Andererseits gilt es jedoch auch, negative Nebeneffekte
zu vermeiden.
Durch Unterschiede zwischen dem automatisierten und dem
menschlichen Verhalten können aus Sicht anderer Verkehrsteil-
nehmer auch Probleme entstehen:
•• Möglich sind Unsicherheiten oder Fehlinterpretationen der
menschlichen Verkehrsteilnehmer bei der Abschätzung
des Fahrverhaltens automatisiert fahrender Fahrzeuge.
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Beispielsweise hat ein vernetztes Fahrzeug u. U. Kenntnis
über die Länge der Rotphase einer Lichtsignalanlage und
verlangsamt seine Geschwindigkeit bei der Annäherung
entsprechend. Dies kann nachfolgende Verkehrsteilnehmer
zu zusätzlichen Überholmanövern bzw. Fahrstreifenwech-
seln veranlassen, was einer Harmonisierung des Verkehrs-
flusses entgegenwirkt.
•• Es besteht die Gefahr, dass eine strengere Regeleinhaltung
durch automatisierte Fahrzeuge ebenfalls zu Störungen des
Verkehrsflusses führt (siehe Abbildung 44).
•• Es ist zu erwarten, dass menschliche Verkehrsteilnehmer
eine höhere Reaktionszeit haben und auf automatisierte
Fahrmanöver vorausfahrender Fahrzeuge (insbesondere
spontanes Bremsen bzw. Ausweichen in Notsituationen)
nicht in jedem Fall adäquat und rechtzeitig reagieren.
•• Unerwünschte Nachahmeffekte sind nicht ausgeschlossen,
z. B. könnte ein geringerer Fahrzeugabstand zwischen
vernetzten automatisierten Fahrzeugen bewusst oder unbe-
wusst auch von Fahrern in nicht entsprechend ausgestatte-
ten Fahrzeugen übernommen werden.
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•• Wegen der unterstellten besseren Reaktionsfähigkeit von
automatisiert fahrenden Fahrzeugen wäre eine höhere Ri-
sikoakzeptanz im Umgang mit diesen Fahrzeugen durchaus
denkbar, z. B. knappere Fahrstreifenwechsel.
Auf der anderen Seite ist zu erwarten, dass Folgefahrzeuge eines
automatisiert fahrenden bzw. durch Vernetzung beeinflussten
Fahrzeugs sich bei hinreichend dichtem Verkehr an dessen Fahr-
Kapitel 4
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