STRUKTURSTUDIE - page 90

Neben der noch herrschenden Unsicherheit in Bezug auf die
Elektrofahrzeuge spielt die Verfügbarkeit einer flächendecken-
den Ladeinfrastruktur eine wichtige Rolle für die Verringerung
der Skepsis beim Privatnutzer hinsichtlich der Alltagstauglichkeit
der Elektromobilität.
Endnutzer wurden ebenfalls im Schaufensterprojekt „Ladeinf-
rastruktur Stuttgart und Region“ nach ihren Alltagserfahrungen
befragt. In diesem Projekt wird die Installation und der Betrieb
von 500 Ladepunkten in der Region Stuttgart untersucht; diese
werden unter anderem für den Einsatz einer zu 100 % elektrisch
betriebenen Carsharing-Flotte mit 500 Fahrzeugen des Anbieters
car2go genutzt. Ziel war es, Feedback und Optimierungsvor-
schläge der Elektromobilitätspioniere zu sammeln und in den
künftigen Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur in anderen
Regionen einzubringen.
In mehreren Fokusgruppenworkshops wurden Fahrer von Elek-
trofahrzeugen zum Umgang mit der vorhandenen öffentlichen
Ladeinfrastruktur befragt. Es waren sowohl langjährige Nutzer
der Elektromobilität unter den Teilnehmern als auch Neukunden,
die erst seit Kurzem Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen sammeln
konnten.
Die flächendeckende Installation einer öffentlichen Ladeinf-
rastruktur im Raum Stuttgart wurde von allen Teilnehmern als
sehr positiv bewertet. So sei die Sichtbarkeit der Ladestationen
erstens ein wichtiges Signal der öffentlichen Hand an die ersten
E-Fahrzeugfahrer und baue zweitens eine wesentliche psycho-
logische Hürde für potenzielle Neukunden ab, denen Ladestati-
onen im Stadtbild ein Gefühl der Sicherheit vermitteln können.
Obwohl die Mehrzahl der Diskussionsteilnehmer angab, über
einen privaten Ladeplatz zu verfügen und die öffentliche Ladein-
frastruktur nur selten zu nutzen, sei ein fortschreitender Aufbau
von (Schnell-)Ladestationen langfristig unverzichtbar, um die
momentan noch vorrangigen Nutzungsmöglichkeiten von Elekt-
rofahrzeugen als reine „Stadtfahrzeuge“ zu erweitern. Folglich
war einer der am wichtigsten bewerteten Faktoren der Wunsch
nach einem einheitlichen Zugangs- und Abrechnungssystem von
Lademöglichkeiten. So stellt die derzeit herrschende „Zersplit-
terung“ der Tarifregionen und die große Vielfalt an regional be-
grenzten und proprietären Kartensystemen eine große Schwie-
rigkeit beim öffentlichen Laden dar. Eine Vereinheitlichung der
Identifikationsmedien und die Möglichkeit des „Roamings“ sind
demnach wesentliche Voraussetzungen für die Alltagstauglich-
keit von Elektrofahrzeugen. Aktivitäten im Bereich der Standar-
disierung, wie das Joint Venture „Hubject“, wurden folglich po-
sitiv bewertet. Auch die geplante internationale Datenplattform
e-clearing.net, deren Ziel eine europaweite Vernetzung der
verschiedenen Lademöglichkeiten zu einem gemeinsamen Zu-
gangssystem ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung, hin zu
einer offenen und flexibel nutzbaren Ladeinfrastruktur.
Flexibel sollte auch das Tarifmodell der Stromanbieter sein. Es
wurde aufgrund der eher unregelmäßigen Nutzung der öffent-
lichen Ladestationen von den Befragten ein „hybrides Prepaid-
modell“ bevorzugt, bei dem die Prepaidkarte per Dauerauftrag
solvent gehalten wird. Für diese flexiblere Tarifvariante ohne
Grundgebühr und die Möglichkeit, pro Nutzung zu bezahlen, wür-
den die Gelegenheitsnutzer auch einen höheren Preis pro kWh
gegenüber „Flatratetarifen“ mit Grundgebühr in Kauf nehmen.
Zum einen, da sie sich ungern an einen langfristigen Vertrag bin-
den möchten und zum anderen, da sie derartige Tarifmodelle be-
reits aus dem Bereich des Mobilfunks kennen und akzeptieren.
Eines der größten Probleme während der bisherigen Praxiserfah-
rung mit der öffentlichen Ladeinfrastruktur im Raum Stuttgart ist,
besonders im städtischen Zentrum, das Zuparken der Ladesta-
tionen durch abgestellte Verbrennerfahrzeuge. Dieses Problem
ELEKTROMOBILITÄT IN ZAHLEN
Toyota 1.134
Daimler 193
(Grünecker, statista.com, 2015)
Forschung intensivieren. Patentanmeldungen von
Automobilherstellern im Zeitraum 2002–2012
Kapitel 4
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